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Von Discounter bis Shisha-Bar: Innenstädte im Wandel

10.11.2020 | Gastronomie, Events, Erlebnis und Shopping. Innenstädte stellten lange Zeit den gesellschaftlichen Mittelpunkt dar, das Zentrum vieler gemeinschaftlicher, sozialer Aktivitäten. Nicht erst seit Corona befinden sich die Innenstädte in zunehmendem Maße bedroht, eine schleichende Veränderung ist schon lange zu verzeichnen. 

Von Discounter bis Shisha-Bar: Innenstädte im Wandel. Foto: pixabay.com
Von Discounter bis Shisha-Bar: Innenstädte im Wandel. Foto: pixabay.com


Neben einem natürlich bedingten Strukturwandel, der das Stadtbild schon seit ihrer Entstehung beeinflusst hat, hat der Online-Handel aber erstmals das Konzept Innenstadt auf den Prüfstand gestellt. Was macht Innenstädte heute noch attraktiv für Verbraucher? Was sind die aktuellen Probleme und Herausforderungen und wie könnte die Innenstadt von morgen aussehen?

Attraktivität nimmt ab

Ladenlokale schließen, E-Commerce boomt. In zunehmendem Maße wird der lokale Einzelhandel durch den Online-Handel verdrängt und das wirkt sich in vielen großen Städten schon seit geraumer Zeit direkt auf das Stadtbild aus. Dabei spielt der Handel in Innenstädten prinzipiell noch immer eine Rolle, seine Monopolstellung hat er aber längst verloren. In den vergangenen Wochen machte vor allem eine Schlagzeile auf die problematische Situation aufmerksam, die bundesweit geplante Schließung von mehr als 50 Warenhäusern von Galeria Karstadt Kaufhof. Neben den zahlreichen Einzelschicksalen der dort Angestellten ist dies aber nur die Spitze des Eisbergs. Vielerorts stellen die Warenhäuser Publikumsmagneten dar, die auch das Überleben kleinerer Geschäfte in der Umgebung sicherten. Es stellt sich also die Frage, wie viele Händler schlussendlich direkt oder indirekt von der geplanten Schließung betroffen sein werden. Auch ist Galeria Karstadt Kaufhof nicht der einzige große Konzern, der im Zuge von Sanierungsbemühungen Filialen in Deutschland Schließen werden. Vor allem die Modebranche reagiert auf das zunehmende Onlineshopping Verhalten der Verbraucher. Alleine Esprit schließt etwa 50 Geschäfte, Appelrath Cüpper, Hallhuber, Sinn, Esprit, Tom Tailor und andere große Marken haben ebenfalls Schließungen angekündigt.

Das Stadtbild verändert sich

Nicht nur der durch die Digitalisierung bewirkte Strukturwandel im Einzelhandel macht sich im Stadtbild bemerkbar, in den vergangenen Jahren konnten diverse Phänomene beobachtet werden, die zu einer Veränderung des Stadtbilds führten. Spätestens sein den späten 1990er Jahren machte sich der Trend bemerkbar, dass sich Innenstädte in zunehmendem Maße ähnelten. Große Filialketten verdrängten alteingesessene Spezialläden, welche sich die steigenden Mieten im inneren Stadtgebiet schlicht nicht mehr leisten konnten. Diese uniformen Einkaufsmeilen bekamen kurze Zeit später, Anfang der 2000er Jahre, noch vor dem Boom des Online-Handels, von Shoppingcentern Konkurrenz. Für viele große Filialketten lohnte es sich nicht zwei Fialen in einer Stadt zu betreiben und so kam es zum langsamen „Aussterben“ der Innenstädte, in denen zunehmend Leerstand und Schließungen zu beobachten sind. Langfristig müssen hier neue Konzepte entwickelt werden, die Innenstädte wieder attraktiver gestalten. Denkbar sind auch neue Nutzungsmöglichkeiten. So wurden bereits ehemalige Einkaufshäuser in Altenheime oder Hotels umgebaut. Auch wohnen in der Innenstadt wäre ein Ansatz, der zwar nicht neu ist, vielerorts aber durch zu hohe Mieten für kaum jemanden erschwinglich.

Trends spielen immer eine Rolle

Bestimmte Trends können das Stadtbild innerhalb kürzester Zeit verändern. Während manche Trends bleiben, sind andere genauso schnell wieder verschwunden, wie aufgetaucht. Vor einigen Jahren schossen beispielsweise „Bubble Tea“ Geschäfte an vielen Stellen wie Pilze aus dem Boden, heute findet man nur noch selten einen Laden, der dieses ehemalige Trendgetränk anbietet. Ein aktueller Trend ist etwa das Shisha Rauchen. In vielen Innenstädten eröffnen Shisha-Bars und Geschäfte, in denen man Shisha-Tabak und Wasserpfeifen kaufen kann. Ob sich dieser Trend weiter durchsetzen wird oder nicht, bleibt abzuwarten, auch welche zukünftigen Trends für kurzzeitige oder langfristige Veränderungen sorgen werden.

Corona als „Brand-Beschleuniger“?

Die Auswirkungen, die die Corona-Pandemie seit Anfang des Jahres auf den Einzelhandel insgesamt hat, konnte niemand vorhersehen. Unabhängig vom Strukturwandel der Innenstädte haben die verordneten Schließungen von Lokalen, Bars und Restaurants erhebliche Auswirkungen auf den Handel. Verbraucher ziehen das echte Shopping dem Onlineshopping in der Regel vor, wenn das Shoppen als ein Erlebnis wahrgenommen werden kann. Gemütlich etwas Essen, Verweilen oder zwischen dem Shoppen einfach mal ausruhen und das bunte Treiben beobachten ist für viele ein entscheidender Grund für eine innerstädische Shoppingtour. Wenn dies nun wegfällt, bleibt nicht viel übrig vom Shoppingerlebnis und der Handel wird weiter massive Verluste einfahren.

Auch der Tourismus ist ein essenzieller Faktor, der das Konsumniveau einer Stadt maßgeblich beeinflusst. In Zeiten von Corona haben Reisebeschränkungen diesen so wichtigen Faktor in vielen Metropolen wegbrechen lassen. Die wenigen Touristen die kommen, können ihre Freizeitaktivitäten aufgrund der Corona-Maßnahmen und der teilweisen Schließung von Hotels, Restaurants, Museen und Cafés nur in sehr eingeschränktem Maße wahrnehmen. Corona hat die Entwicklungen, die sich schon seit geraumer Zeit angedeutet haben massiv verschärft und hat somit durchaus das Potenzial, viele Händler und Gastronomen dauerhaft aus der Innenstadt verschwinden zu lassen. Insbesondere die Dauer des aktuellen, und möglichen zukünftigen „Lockdowns“ wird über das Schicksal zigtausender Händler und Gastronomen entscheiden. Der Handelsverband Deutschland schätzt, dass im Zuge der Corona-Krise mehr als 50.000 Geschäfte in Deutschen Innenstädten schließen werden müssen, was letzten Endes zu einem noch größeren Boom im Onlinehandel führt. Schließlich bekommt man im Internet so gut wie alles, angefangen von der Shisha, über Kaffeemaschinen, Elektronik oder auch banale Dinge wie einen Wischmopp. Es gibt eigentlich so gut wie nichts, wofür man noch zwingend in die Stadt müsste, um es zu kaufen.

Sind die Innenstädte noch zu retten?

Was sollte Menschen also in Zukunft dazu bewegen in die Zentren der Städte zu gehen, wenn der Hauptanker Einzelhandel zu einem großen Teil wegfällt? Schon vor der Corona-Krise boten Innenstädte Verbrauchern in vielen Fällen zu wenig Erlebnis, zu wenig Vielfalt und zu wenig Komfort. Die Herausforderungen der Zukunft zu meistern ist eine schwierige Aufgabe für Politik und Wirtschaft, bei der vielfältige Lösungsansätze betrachtet werden müssen. Um den endgültigen Tod vieler Einkaufsstraßen zu verhindern, müssen Handel, Kommunen und Vermieter eng zusammen arbeiten und sich Konzepte einfallen lassen, wie sich die Innenstädte wieder beleben lassen.

Ein Hauptgrund für wenig Vielfalt in deutschen Innenstädten bleiben die hohen Mieten, für Spitzenlagen sind bis zu 300 Euro Miete pro Quadratmeter keine Seltenheit. Auf diese Weise ist es nur den großen Filialketten möglich in zentralen Lagen Geschäfte zu eröffnen, kleine Fachhändler hingegen haben das Nachsehen. Nur wenn sich in der Preispolitik etwas verändert, und das ist dringend notwendig, haben Innenstädte überhaupt noch eine Chance zu einem vielfältigen und bunten Ort zu werden, der Verbrauchern zahlreiche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bietet.

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