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Die Digitalisierung der Immobilienbranche: Segen oder Fluch?

23.07.2019 | Bis vor gar nicht allzu langer Zeit war das Tätigkeitsfeld eines Immobilienmaklers klar definiert: Regional verbunden, gut vernetzt durch persönliche Kontakte vor Ort und häufig abhängig von Empfehlungen samt dazugehöriger Mundpropaganda. Die Tageszeitung – und ganz besonders der Lokalteil – galt als die wichtigste Plattform, um neue Kunden zu gewinnen. Doch mittlerweile erscheint diese Art der Immobilienvermittlung wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit.

Denn wer heutzutage nicht im Internet präsent ist, wird es schwer haben, die Immobilien überhaupt an den Mann zu bringen. Bedingt durch die fortschreitende Digitalisierung hat sich der Beruf des Immobilienmaklers also stark verändert. Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Wendung tatsächlich einen Segen oder doch eher einen Fluch für die gesamte Branche darstellt.

Wer früher eine Immobilie kaufen wollte, hatte meist einen langen Weg vor sich. Es galt, unzählige Zeitungen zu sichten, Kontakte mit den jeweiligen Maklern herzustellen und sich vor Ort ein Bild von der Liegenschaft zu machen. Die Wege waren lang und der Prozess bis zum endgültigen Kauf konnte sich über Wochen, wenn nicht gar über Monate hinziehen. Der Makler hingegen musste aufwendige Exposés erstellen, die den potenziellen Käufern per Post zugeschickt wurden. Darüber hinaus hatte der Immobilienmakler damit zu kämpfen, die zahlreichen Vermittlungsaufträge der verschiedenen Interessenten zu katalogisieren, ohne dabei die Übersicht zu verlieren. Doch vor einigen Jahren änderte sich diese Herangehensweise schlagartig.

Die Onlineportale, die seit geraumer Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen, sorgten schnell für einen grundlegenden Wandel der gesamten Immobilienbranche. Die Vermittlung von Grund und Boden läuft seitdem fast ausschließlich im Internet ab. Hier können die interessierten Käufer mit nur wenigen Mausklicks und zahlreichen nützlichen Suchfiltern binnen kürzester Zeit die Wunschimmobilie finden – samt virtuellem Rundgang, sämtlichen Informationen auf einen Blick und weiteren praktischen Tools, mit denen der Hauskauf zum Kinderspiel wird. Möglich wird diese revolutionäre Veränderung der Immobilienbranche vor allem durch das Zusammenspiel zwischen Maklern und kreativen Onlineagenturen, welche die erfolgreiche digitale Vermarktung überhaupt erst ermöglichen. Wie das Ganze ablaufen kann, verdeutlicht das folgende Beispiel.


Die digitalen Vorreiter aus der Rattenfängerstadt Hameln

Dass das Konzept des intelligenten Maklertums funktioniert, zeigt das Modell von Hapke Immobilien, einem Immobilienmakler aus Hameln, und der Synatix GmbH, einer Werbeagentur aus Hameln. Bedingt durch diese Kooperation können die Makler der Firma Hapke auf ein sogenanntes Immobilien-Match-System zurückgreifen, das es sowohl für den Kunden als auch für den Vermittler selbst deutlich einfacher macht, diese Form der Dienstleistung zu nutzen. Die komplette Abwicklung geschieht online, sodass Verkäufer und Käufer alle notwendigen Informationen jederzeit und bequem von zu Hause aus einsehen können. Darüber hinaus ermöglicht die digitale Plattform eine kostenlose Wert- und Marktanalyse, bietet ein integriertes Bewertungssystem und führt zu einer effektiven und effizienten Kommunikation zwischen allen beteiligten Parteien. Auf den ersten Blick handelt es sich also um ein potenziell erfolgversprechendes System. Allerdings stoßen digitale Lösungen dieser Art auch immer wieder an ihre Grenzen.


Vielen Kunden ist die individuelle und persönliche Beratung wichtig

Die meisten Käufer und Verkäufer von Immobilien schätzen die Digitalisierung der Maklerbranche, da vor allem die zum Teil sehr komplizierte und umständliche Suche deutlich vereinfacht wurde. Gleichwohl hat diese Transformation auch zu einer gewissen Form der Anonymisierung geführt. Denn häufig findet der Kontakt fast ausschließlich online statt – und selbst die erste Begehung geschieht virtuell. Für viele Kunden ist es jedoch wichtig, individuell und vor allem persönlich beraten zu werden. Und genau hier kommt es trotz ausgeklügeltem Match-Making-System noch immer auf das Fachwissen, das Geschick und die Kompetenz des Maklers selber an. Wer sich nur auf die Ergebnisse aus den Datenbanken verlässt, übersieht häufig essenziell wichtige Dinge.

Dass der Beruf des Immobilienmaklers durch die Digitalisierung der gesamten Branche auszusterben droht, ist also keinesfalls gegeben. Allerdings müssen die Makler versuchen, zu einer Schnittstelle zwischen der virtuellen Umgebung und den Kunden zu werden. Es gilt, die neuen digitalen Werkzeuge in den altbekannten Arbeitsprozess zu integrieren und sie nur dann zu nutzen, wenn sie auch hilfreich sein können. Der virtuelle Rundgang ersetzt beispielsweise nicht die persönliche Führung des Maklers, sondern soll dem Käufer nur ein erstes und unverbindliches Bild der Immobilie vermitteln. Auch in Bezug auf die Lage, die Umgebung und eventuelle Besonderheiten verschafft das Onlineportal nur einen ersten Einblick – die konkreten und weiterführenden Informationen muss der Makler hingegen persönlich und individuell zugeschnitten weitergeben.


Der digitale Wandel schreitet unaufhörlich voran

Dank diverser Studien, wie unter anderem dem sogenannten „Digitalisierungsindex Mittelstand“ des Onlineanalysten Techconsult in Kooperation mit der Deutschen Telekom, kann man sehr gut erkennen, dass die Immobilienbranche immer häufiger auf digitale Lösungen zurückgreift. Durch die verschiedenen Onlinetools können die Makler demnach nicht nur deutlich effizienter arbeiten, sondern zugleich eine schnellere Kundenbindung erreichen und den Umsatz steigern. Aus diesem Grund gehört laut der Erhebung mittlerweile bei knapp der Hälfte aller befragten Firmen aus dem Grundstücks- und Wohnungswesen die Digitalisierung zum festen Bestandteil der Geschäftsstrategie.

Hinzu kommt, dass immer mehr Immobilienmakler auch in den sozialen Medien aktiv sind, um sich durch ständige Präsenz noch stärker an die Kunden binden zu können. Ob und inwieweit diese Maßnahmen auch zukünftig auf Akzeptanz stoßen werden, ist derzeit noch schwer einschätzbar und bleibt daher abzuwarten. Denn besonders die immer wieder auftretenden Probleme in Bezug auf den Datenschutz und die schiere Überflutung mit Informationen kann zu einer verstärkten Zurückhaltung bei den potenziellen Kunden führen. Dass die Digitalisierung der Immobilienbranche in naher Zukunft immer weiter voranschreiten wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Es wird allerdings interessant sein, zu sehen, wie die Makler damit umgehen werden.

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